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Traumatherapie und Traumanetzwerk Hannover und Region

Traumanetzwerk Hannover und Region

Positionspapier des Trauma-Netzwerks zum Behandlungsbedarf von komplex traumatisierten Menschen

Auf Initiative des Frauennotrufs hat sich ein Traumanetzwerk Hannover und Region gebildet.

Unser Ziel ist es, die unbefriedigende Versorgungssituation für Frauen mit schwerwiegenden Folgestörungen von traumatischen Erfahrungen zu verbessern; und dies konkret für Hannover und die Region.

Zum Netzwerk gehören Vertreter und Vertreterinnen von Kliniken in Hannover und Region, niedergelassene PsychotherapeutInnen, PsychologInnen, ÄrztInnen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Beratungsstellen und Einrichtungen der Stadt und der Region. Sie alle arbeiten mehr oder weniger intensiv (je nach Arbeitsfeld) mit komplex traumatisierten Menschen, die Opfer von sexueller, psychischer und physischer Gewalt geworden sind.

Hintergrund

Frauen mit chronisch gewordenen Folgen von Langzeittraumatisierungen und dissoziativen Identitätsstörungen finden oft nicht die notwendige Unterstützung. Ambulante Therapien sind begrenzt, Fachkliniken verweisen immer öfter an niedergelassene TherapeutInnen, diese verweisen weiter an ambulante Beratungsstellen, die selbst am Rande ihrer Kapazitäten sind.

Betroffene müssen teilweise ein Jahr und länger auf einen kassenfinanzierten Therapieplatz warten!

Zu diesem Themenkomplex veranstalteten wir am 27.6.2011 eine Veranstaltung mit Podiumsdiskussion: Trauma und Dissoziation bei sexualisierter Gewalt – was braucht ein unterstützendes Netzwerk?

Am Anschluss daran lud der Notruf zu einem ersten Treffen ein. Es stieß auf ein breites Interesse. Bisher gab es sechs Treffen, zu denen sich immer wieder neue Interessierte melden. Wir freuen uns über jedes weitere Interesse.

Die rege Teilnahme und die Diskussionen zeigen uns, wie groß das Bedürfnis nach Vernetzung und Austausch ist. Es ist hilfreich, nicht nur die Namen zur Weitervermittlung zu kennen, sondern auch die entsprechenden „Gesichter“ dazu. Die Vernetzung von Kliniken, niedergelassenen PsychotherapeutInnen und Beratungsstellen ist für unsere Arbeit und für die uns Aufsuchenden eine wertvolle Ressource.

Die Teilnehmenden des Netzwerks haben Forderungen, die wir gemeinsam umsetzen möchten und dazu arbeiten wir thematisch.

Themen in den bisherigen Treffen waren und sind u.a.:

  • Braucht Hannover eine Traumazentrum, eine Krisenwohnung? Der Bedarf und der Wunsch danach sind groß, die personellen Kapazitäten, sich dafür konkret einzusetzen, sind sehr begrenzt. Die Frage der Finanzierung ist dabei das größte Problem.
  • Welche Anregungen aus den Empfehlungen des Runden Tisches Kindesmissbrauchs der Bundesregierung können wir für Hannover und Region umsetzen? Wir haben Wünsche an den Fachbeirat des Runden Tisches formuliert.
  • Strukturelle Probleme – Austausch mit der Politik gewünscht
  • Probleme bei Gutachten und OEG (Opferentschädigungsgesetz)
  • Möglichkeiten von Kooperationsverträgen mit Krankenkassen

Wir freuen uns wirklich sehr, dass soviele engagierte Fachfrauen und Fachmänner aus den verschiedensten Arbeitsfeldern gemeinsam mit uns dafür eintreten, die unhaltbare Situation in der Versorgungslage verändern zu wollen. Wir sind gespannt, was alles möglich sein kann.

Erfreulich: Es gibt seit dem 15.07.2012 eine Traumaambulanz in der Gartenstraße 19 in Hannover des Klinikums Wahrendorff, Kontakt: (0511) 169 33 123 oder trauma-ambulanz@wahrendorff.de.

Was ist ein Trauma?

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. Hannover, Fotografin: Maren NeubeltTraumatische Ereignisse sind Erlebnisse, die so stark mit intensiven Gefühlen von Angst, Schmerz, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wut beladen sind, dass unser normales Informationsverarbeitungssystem überflutet wird und überfordert ist.
Solche Erfahrungen können z. B. Kriegshandlungen, schwere Unfälle, plötzlicher Tod eines vertrauten Menschen, Naturkatastrophen und kriminelle Handlungen, wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Vernachlässigung, Folter und andere Gewaltverbrechen sein.

Ein traumatisches Ereignis ist in der Regel

  • plötzlich und unerwartet, eben nicht vorhersehbar,
  • es ist nicht möglich zu fliehen und/oder sich zu wehren,
  • es ist mit Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen verbunden
  • und wird i. d. R. als so existenziell bedrohlich erlebt, dass es mit Todesängsten verbunden ist.

Befindet sich ein Mensch über einen langen Zeitraum in einer bedrohlichen, für ihn ausweglosen Lage, nehmen das Ausgeliefertsein und/oder die Gewalt permanent zu, dann ist dies auch eine traumatische Situation. Denn auch hier kann die Person sich der Situation nicht mehr anpassen oder ihr entkommen. Dies ist z.B. bei sexueller Gewalt in der Kindheit der Fall.

Auch Ereignisse, in denen ein Mensch Zeuge einer existentiell bedrohlichen Situation wird, können traumatisch erlebt werden.

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. Hannover, Fotografin: Maren NeubeltFolgen dieser traumatischen Erlebnisse machen sich meist sofort, sehr oft aber auch erst nach Wochen, Monaten oder Jahren bemerkbar. Auswirkungen davon können Alpträume, Panikattacken, Reizbarkeit und Wutausbrüche, übertriebene Schreckreaktionen, Herzrasen, Konzentrationsstörungen, aber auch Vermeidungsverhalten (von Orten, Aktivitäten, die an das Trauma erinnern), starke Ängste und vieles mehr sein. Es können auch Bilder und Gefühle aus der traumatischen Situation auftauchen, die so intensiv sind, dass sie sich anfühlen, als würde es hier und jetzt erneut geschehen.

Die möglichen Folgen sind individuell sehr unterschiedlich. Es ist erst einmal ein Versuch, mit der Situation und den Auswirkungen klar zu kommen. In der Psychotraumatologie spricht man von typischen Erstreaktionen, über posttraumatische Belastungsreaktionen bis hin zur ausgebildeten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Wenn die Folgen stärker werden und länger als 4 Wochen andauern, kann die Diagnose PTSB gestellt werden.

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine normale Reaktion auf eine extrem belastende (und „unnormale“) Situation.

Was passiert im Gehirn?

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. Hannover, Fotografin: Maren NeubeltEin Trauma ist ein Ereignis, das individuell erlebt und damit sehr subjektiv ist, es kann aber auch neurologisch und damit objektiv nachgewiesen werden. Unser Gehirn ist eine äußerst komplex arbeitende „Maschine“. Wir geben hier eine sehr vereinfachte, schematische Darstellung wieder (nach Michaela Huber):

Alles, was wir erleben, wird in unserem Gehirn verarbeitet, gespeichert und miteinander verbunden. Aus allen Bereichen des Körpers kommen Sinneseindrücke zunächst für sich isoliert im Gehirn an. Hier werden sie in einem Bereich des Gehirns (Amygdala) zunächst auf ihre gefühlsmäßige Bedeutung überprüft.

Alltägliche Erfahrungen werden dann an den Hippocampus (ein weiterer bestimmter Bereich im Gehirn) weitergeleitet. Den Hippocampus müssen Sie sich wie ein gut sortiertes Archiv vorstellen, in dem alle ihre Erfahrungen und Erinnerungen gut sortiert gespeichert sind. Sie können auf diese Erfahrungen jeder Zeit zurückgreifen. Ein neues alltägliches Ereignis wird im Gehirn mit dem schon Erlebten verknüpft und zwischen den anderen Erfahrungen eingeordnet.

In einer traumatischen Situation wird die Verbindung zwischen Amygdala und Hippocampus unterbrochen, so dass Informationen bzw. Erfahrungen nicht mehr im Hippocampus gebündelt werden können, sondern als einzelne Sinneseindrücke in der Amygdala zurückbleiben. Das bedeutet, sie erkennen vielleicht ein Geräusch, ein Geruch oder ein Bild, - diese Sinneseindrücke sind jedoch wie einzelne Puzzleteile, die Sie nicht zu einem gesamten Bild, zu einer gesamten Erfahrung zusammenlegen können.

Es kann daher passieren, dass Sie durch ein Geräusch, einen Geruch, eine Berührung oder ein Bild in Panik geraten, ohne dass Sie verstehen können, warum das so ist. Menschen haben dann oft das Gefühl, verrückt zu werden. Auch das Broca – Sprachzentrum ist in traumatischen Situationen oft blockiert, so erklärt sich die oft vorhandene Sprachlosigkeit.

Wie kann ein Trauma bewältigt werden?

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. Hannover, Fotografin: Maren NeubeltIn der Psychotraumatologie wird vermehrt das Augenmerk auf Ressourcen und vorhandene, oft verschüttete eigene Bewältigungsstrategien gelegt. Sie geht ferner davon aus, dass der Mensch von Natur aus ein „Traumaüberwinder“ sei. Das heißt, in der Therapie wird viel mehr darauf geachtet, was sind die Stärken und Ressourcen der Trauma-Überlebenden als auf die Defizite, das nicht Vorhandene, zu schauen.

Das Ziel in der Traumatherapie ist es, das Trauma mit seinen ganzen Konsequenzen in einem geschützten Rahmen „zuzulassen“ und als Bestandteil der eigenen Geschichte akzeptieren zu lernen und zu bearbeiten. Das traumatische Erlebnis ist nur ein Teil der Biografie, zwar ein sehr schmerzlicher, aber es gibt noch andere Teile in der eigenen Biografie.

Unsere Angebote basieren auf den Erkenntnissen und Methoden der Psychotraumatologie. Alle Mitarbeiterinnen haben eine Weiterbildung in der Traumatherapie. Wir orientieren uns insbesondere an dem ressourcenorientieren Ansatz, bewusst die Stärken und nicht die Defizite in den Vordergrund zu stellen.

In den traumatherapeutischen Beratungen geht es insbesondere darum:

  • Einen Umgang mit den Symptomen zu erlernen (die Symptome zu verstehen, sie zu mildern und/oder zu beseitigen).
  • Die eigene Handlungskompetenz zu erweitern (Aufbau von Ressourcen, Kontrolle wieder erlangen, von der Ohnmacht zur Selbstbestimmung).
  • Wieder zu einer Einheit von Gefühlen, Körperempfindungen und Gedanken zu kommen (= „wieder vollständig zu werden“).

Mit dem Hauptziel: Das Geschehene als Teil der eigenen Geschichte zu integrieren.

Siehe auch Beratung, sexualisierte Gewalt, Traumanetzwerk Hannover und Region