(0511) 33 21 12 | Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen Hannover e. V. | Beratung - Unterstützung - Prävention - Information

Was geschieht bei einer Strafanzeige?

Strafanzeige erstatten

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. HannoverEine Anzeige kann schriftlich oder mündlich erstattet werden bei:

  • Polizei (jede Polizeidienststelle, besser Fachkommissariat für Sexualdelikte)
  • Staatsanwaltschaft
  • Amtsgerichten
  • bei einer Rechtsanwältin

Wichtig: Eine Anzeige wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung ist ein Offizialdelikt. Das heißt, dass die Polizei, die Staatsanwaltschaft ermitteln muss, wenn sie davon Kenntnis erhält. Die Anzeige kann durch die Frau/das Mädchen nicht zurückgenommen werden, wenn sie einmal gestellt ist. Bei Sexualdelikten wird die Vernehmung in der Regel durch die Kriminalpolizei durchgeführt (meist Fachkommissariat für Sexualdelikte).

In Hannover: Kriminalfachinspektion 1; 1.3. Kommissariat: Tel. (0511) 109 - 5131

Das Strafverfahren

Nach der Strafanzeige kommt es zu einem Ermittlungsverfahren.

Die Polizei ermittelt im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Hierzu gehören die:

  • Sicherung von Beweismitteln,
  • Ermittlung des Täters, der Täter (oder Täterinnen),
  • Vernehmung des Täters als Beschuldigten (wenn Täter bekannt),
  • Vernehmung von ZeugInnen,
  • Besichtigung des Tatortes etc.

Im Anschluss daran wird der Ermittlungsbericht an die Staatsanwaltschaft weitergereicht. Nach Abschluss der Ermittlungen erhebt die Staatsanwaltschaft bei hinreichendem Tatverdacht Anklage. Hinreichender Tatverdacht heißt: Die Bewertung der Ermittlungen (des gesamten Akteninhalts) lässt eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheinen als einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft kann natürlich nur Anklage erheben, wenn ein Täter ermittelt wurde.

Der Staatsanwalt entscheidet dann über den weiteren Verlauf des Verfahrens:

  • Anklageschrift zum Gericht (Amtsgericht oder Landgericht) oder
  • Einstellung des Verfahrens

Hauptverfahren

Zentraler Teil des Gerichtsverfahrens ist dabei die mündliche Verhandlung.

Ablauf einer mündlichen Verhandlung

  • Aufruf zur Sache: Sind alle Prozessbeteiligten erschienen?
  • Feststellung der Personalien des Täters, der Täter / Präsenzfeststellung
  • Abtreten der ZeugInnen
  • Vernehmung des Angeklagten zu seinen persönlichen Verhältnissen
  • Anklageschrift des Staatsanwaltes, der Staatsanwältin / Verlesung des Anklagesatzes
  • Vernehmung des Angeklagten zur Sache, wenn er bereit ist, eine Aussage zu machen (der Angeklagte hat das Recht zu schweigen)
  • Beweisaufnahme = ZeugInnenvernehmung (Opferzeugin, andere Zeugen, Polizei, Arzt / Ärztin, evtl. Sachverständige)
  • = Beweisaufnahme abgeschlossen
  • Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der Nebenklagevertretung, der Verteidigung des Angeklagten, letztes Wort des Angeklagten
  • Beratung des Gerichtes / Urteilsfindung
  • Urteilsverkündung

Das Urteil ist endgültig, wenn die Frist zur Einlegung von Rechtsmittel (Berufung; Revision) abgeschlossen ist und keine Rechtsmittel geltend gemacht wurden. Rechtsmittel sind eine Art Beschwerde gegen das Gerichtsurteil, die gesetzlich vorgesehen ist.

Wenn Rechtsmittel eingelegt werden und ihnen stattgegeben wird, kommt es zu einem neuen Verfahren. Wurde z.B. gegen ein Urteil des Amtsgerichtes Berufung eingelegt und ihr stattgegeben, kommt es zu einer neuen Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht. Werden keine Rechtsmittel eingelegt, ist das Urteil rechtskräftig.

Die Nebenklagevertretung

Aus professioneller Sicht raten wir zu einer Nebenklage, d.h. einer Vertretung des Opfers durch eine Rechtsanwältin im Strafverfahren. Über die Nebenklagevertretung hat das Opfer verschiedene Möglichkeiten auf den Verlauf eines Strafprozesses Einfluss zu nehmen.

Bei Straftaten klagt die Staatsanwaltschaft im Namen des Staates den Beschuldigten, die Beschuldigte an. Bei bestimmten Delikten, wie bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, ist eine Nebenklage vorgesehen, d.h. die Frau / das Mädchen klagt neben dem Staatsanwalt, der Staatsanwältin an. Die Staatsanwaltschaft klagt die Verstöße gegen die Gesetze des Staates an. Als Nebenklägerin tritt die verletzte Opferzeugin dem Verfahren bei und schließt sich der Staatsanwaltschaft an. Somit erlangt sie die Stellung einer selbständigen Verfahrensbeteiligten mit eigenen Rechten.

Eine Liste mit Nebenklagevertreterinnen aus der Region Hannover ist beim Frauen-Notruf Hannover erhältlich.

Vorteile einer Nebenklage:

  • In einem Prozess wegen Vergewaltigung hat die betroffene Frau eine besondere Stellung im Verfahren: Sie ist sowohl Opfer, Spurenträgerin als auch Zeugin (und evtl. Nebenklägerin).
  • Die Nebenklagevertretung kann bestimmte Anträge stellen, wie Ausschluss der Öffentlichkeit, hat Akteneinsicht, sie kann ZeugInnen befragen und ein eigenes Plädoyer halten.

Kosten der Nebenklagevertretung:

  • Die Kosten der Nebenklagevertretung werden im Rahmen des Strafverfahrens bei Sexualdelikten vom Staat übernommen, wenn es sich bei der Tat um ein Verbrechen handelt.
  • Die Erstberatung durch eine Anwältin vor der Anzeige und Eröffnung des Gerichtsverfahrens ist kostenpflichtig.
  • Die Beantragung einer Beratungshilfe ist beim Amtsgericht möglich.
  • Die Opferhilfeorganisation „Der Weiße Ring e.V.“ unterstützt die Kostenübernahme mit einem sog. Beratungsschein. Die Nebenklagevertretung wird beantragen, dass der Angeklagte die Kosten für Anwältin und Verfahren übernimmt.
  • Bei einem Schuldspruch muss der Angeklagte die Kosten übernehmen. Bei einem Freispruch und/oder Zahlungsunfähigkeit trägt der Staat die Kosten.
  • Zu Fragen des Strafrechts bieten wir jeden 3. Montag im Monat eine einmalige Rechtsberatung an.

Eine Anzeige, ein Gerichtsprozess können bedeuten:

Auf der einen Seite:

  • sich erinnern zu müssen,
  • eine Aussage zu machen,
  • dem Täter / der Täterin zu begegnen,
  • Fragen zu beantworten (durch Gericht, Verteidiger etc.).

Auf der anderen Seite kann es aber auch bedeuten:

  • sich aktiv zur Wehr gesetzt zu haben,
  • die Tat öffentlich gemacht zu haben und nicht geschwiegen zu haben,
  • im Falle einer Verurteilung durch das Gericht gehört zu haben, dass die Tat ein Verbrechen war und der Täter / die Täterin dafür bestraft wird.

Wir informieren über die Möglichkeit der Strafanzeige und das Gerichtsverfahren und begleiten Frauen dabei. Wissen und Informationen darüber, was im Zuge einer Strafanzeige und einer möglichen Gerichtsverhandlung geschieht, sind für eine Entscheidung zu einer Anzeige oder dagegen hilfreich und notwendig.

Näheres unter Prozessbegleitung.