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Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter

Und sie kann jede Frau und jedes Mädchen treffen...

...unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung, Behinderung, Aussehen, Kleidung, Verhalten oder Lebensweise.

Sie findet im Ehebett, auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Universität, am Ausbildungsplatz, in Einrichtungen – überall statt. Frauen verschweigen oft aus Angst und Scham die erlebten Grenzverletzungen, die Vergewaltigung oder den Missbrauch.

Oftmals können sich Frauen einem sexuellen Missbrauch, den sie in der Kindheit erlebt haben, erst als Erwachsene annähern.

Wenn Sie sexuelle Gewalt erlebt haben, so ist das kein „Missgeschick“, für das Sie verantwortlich sind, sich schämen müssen oder gar (Mit-)Schuld tragen.

Die Verantwortung liegt allein bei dem oder den Tätern.

Danach ist nichts mehr, wie es mal war…

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. HannoverSexuelle Nötigung und Vergewaltigung stellen eine massive Verletzung der Persönlichkeit einer Frau, eines Mädchens dar (Traumatisierung). Das Erleben und auch die Folgen dieser Verbrechen kommen denen der Folter gleich. Folgen können sich auf allen Ebenen eines Menschen zeigen: Körper, Geist und Seele, Verhalten, Kontakt.

Die Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen sind bei jeder Frau und jedem Mädchen unterschiedlich. Angst – und Panikgefühle, Handlungsunfähigkeit, Kontaktprobleme bis zum sozialen Rückzug können mögliche Folgen sein.

Nicht Ihre Reaktionen auf das Erlebte sind „verrückt“, sondern das, was Ihnen passiert ist!

Jede Frau, jedes Mädchen hat ihre eigene Art, mit dem Erlebten und den Folgen umzugehen und benötigt ihre eigene Zeit zur Verarbeitung.

Was ist sexuelle/sexualisierte Gewalt?

Sexuelle Gewalt ist eine Form von Gewalt, die vom Täter sexualisiert wird und nicht eine Variante von Sexualität. Sexualität ist dabei das Mittel zum Zweck, um Überlegenheit zu demonstrieren und zu erleben. Das Ziel des Täters ist die Machtausübung und Erniedrigung.

Die Einteilungen im Strafgesetzbuch dienen der juristischen Handhabung. Sie sagen nichts über das subjektive Empfinden der Opfer aus, auch nicht über die Folgen.

Die Erfahrungen von Frauen und Mädchen belegen, dass sexuelle Gewalt viele Formen hat. Aber: nicht alle Ausprägungen sexualisierter Gewalt sind strafrechtlich verfolgbar.

Für unser Verständnis von sexueller Gewalt (und damit für unsere Beratungsarbeit) ist dasindividuelle Erleben einer Frau oder einer Jugendlichen maßgebend = jedes Verhalten, das in die sexuelle Selbstbestimmung, die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Sexualität oder in die sexuelle Intimsphäre einer Frau oder eines Kindes eingreift und sich über deren Willen hinwegsetzt bzw. nicht nach deren Willen und Wohlbefinden fragt.

Es ist Gewalt, die von "Mächtigen" an weniger Mächtigen ausgeübt wird, eben von Männern an Frauen, von Erwachsenen an Kindern.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen ferner: je ungleich-gewichtiger in einer Gesellschaft das Machtverhältnis zugunsten des Mannes ist, desto größer ist das Ausmaß sexualisierter Gewalt. Und damit ist sexualisierte Gewalt auch nicht das persönliche Problem einzelner Menschen, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Begriffe sexuelle/sexualisierte Gewalt?

Wir benutzen beide Begriffe gleichwertig. Richtig ist es eigentlich, von sexualisierter Gewalt zu sprechen. Das macht deutlich, dass es bei der Gewaltausübung nicht um Sexualität geht, sondern um Macht. Sexualität wird als Mittel zur Demütigung und Machtausübung benutzt. Der Begriff "sexuelle Gewalt" ist sprachlich gewohnter und allgemein verständlicher. Deshalb benutzen wir ihn weiterhin.

Folgen und Auswirkungen von sexueller Gewalt

Nachfolgende Auflistung zeigt mögliche Folgen sexueller Gewalterfahrungen, die individuell sehr verschieden sind. Der Umkehrschluss von einem Symptom, einem Verhalten auf sexuelle Gewalt zu schließen, trifft nicht immer zu.

  • Kontrollverlust
  • Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühle
  • Schuld- und Schamgefühle
  • Handlungsunfähigkeit
  • Überagieren
  • Schlafstörungen, Alpträume
  • Angst- und Panikattacken
  • Beeinträchtigung der eigenen Sexualität
    • Vermeidung von Sexualität
    • stark sexualisiertes Verhalten
  • Beeinträchtigung des Selbstwert- und Identitätsgefühls
  • Misstrauen, erhöhte Wachsamkeit, immer auf der Hut sein
  • eigener Wahrnehmung nicht trauen
  • selbstzerstörerisches Verhalten, Selbstverletzung
  • Ekelgefühle, Essstörungen (Magersucht, Bulimie)
  • psychische Abwesenheit
  • Depressionen
  • Medikamentenmissbrauch
  • Selbsthass bis hin zu Suizidversuchen, Selbsttötung
  • Beziehungsprobleme, Vertrauensverlust
  • berufliche und schulische Einbrüche
  • Rückzug aus gesellschaftlichem Leben
  • Isolation

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. HannoverNeben den psychischen und körperlichen Folgen gibt es auch eine Reihe möglicher sozialer und ökonomischer Folgen. Der Verlust von sozialen Beziehungen, weil das soziale Umfeld nicht als unterstützend erlebt wird bzw. es sich zurückzieht oder durch einen Wohnungs- und/oder Ortswechsel beeinflussen das Leben von Überlebenden von Gewalt auf sehr einschneidende Weise.
Auch weitere wirtschaftliche Folgen wie ein Arbeitsplatzverlust, der Abbruch der Ausbildung oder schulische Einbrüche können Langzeitauswirkungen sein.

Das Ausmaß und die Intensität der Folgen werden von folgenden Faktoren maßgeblich beeinflusst und mitbestimmt, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne:

Individuellen Bewältigungsstrategien

  • physische und psychische Ressourcen
  • Krisenmanagement
  • früheren Lebenserfahrungen
  • Möglichkeiten, Hilfen wie Therapie zu nutzen

Dem sozialen Umfeld

  • wie unterstützend werden Familie, Freunde, Arbeits- und Ausbildungsumfeld, Institutionen etc. erlebt
  • wie viel Zeit billigen sie für Verarbeitung zu
  • bei Anzeige und Strafverfahren: Verhalten der Strafverfolgungsbehörden und entsprechender Institutionen

Den Umständen der Tat

  • eigenes Lebensalter zur Tatzeit (sexuelle Gewalterfahrung in Kindheit und/oder im Jugendlichen-/Erwachsenenalter)
  • einmaliges Erlebnis, über längeren Zeitraum, mehrere Erlebnisse
  • Bekanntschaftsgrad zwischen Opfer und Täter
  • Ausmaß eingesetzter Gewalt
  • Gab es Möglichkeiten der Verteidigung?

Bewältigung von sexuellen/sexualisierten Gewalterlebnissen

Foto Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. HannoverBewältigungsprozesse nach einer Vergewaltigung sind nie ganz abgeschlossen. Es können immer wieder neue Anforderungen entstehen. Erinnerungen an das Vergewaltigungstrauma können durch äußere Einflüsse erneut wachgerufen werden. So können Grenzverletzungen Auslöser für Flashbacks (Erinnerungsblitze) sein.

Bewältigungsstrategien, die kurzfristig entlastend wirken, können sich langfristig als selbstzerstörerisch erweisen (z.B. Medikamenteneinnahme, aber auch bestimmte Verhaltensweisen der Vermeidung).

Betroffene von Gewalt müssen sehr häufig neue Bewältigungsstrategien entwickeln, um mit dem Erlebten umzugehen oder vertraute und bekannte Bewältigungsstrategien dem Erlebten anpassen. Wie sicher kann ich mich in der Gesellschaft noch fühlen, wo habe ich Kontrolle? Aber auch die eigene Sicht oder der Glaube an das Gute in der Welt, das Vertrauen in die Welt sind durch die erlebten Gewalterfahrungen zutiefst erschüttert und müssen neu erfahren und „gedacht“ werden.

Die Herausforderung und das Ziel der Auf- und Verarbeitung ist es, ist das Erlebte als Teil der eigenen Geschichte akzeptieren zu lernen.

Dabei können Sie sich Unterstützung holen. Bei uns, bei Freunden, Ihrem sozialen Umfeld. Getrauen Sie sich nach Hilfe zu fragen. Sie haben ein Recht auf Unterstützung!

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