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K.O.-Tropfen

Über K.O.-Tropfen

Postkarte der Kampagne gegen K.O.-Tropfen - mit einem Cocktail und Chemikalien
Foto Cocktail © Peter Kehrle, www.fotogeist.com

Dieser Cocktail macht mehr als nur einen Kater. K.O.-Tropfen: Sexualisierte Gewalt unter dem Einfluss betäubender Substanzen

Sexuelle Gewalt mithilfe von betäubenden Substanzen ist kein neues Thema. Geschichtlich finden sich immer wieder Hinweise auf sexuelle Gewalt mittels betäubender und schnell wirkender Substanzen.
Seit Anfang der 90er Jahre wird von den sogenannten K.O.-Tropfen gesprochen und der Thematik vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt, insbesondere in den Medien. Nach wie vor gibt es wenig gesicherte Zahlen über das tatsächliche Ausmaß.

Als Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt wurden wir in den letzten Jahren häufiger mit dem Vorkommen sexueller Gewalt unter Anwendung betäubender Substanzen konfrontiert. Immer mehr betroffene Frauen und Mädchen haben den Mut, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.

Es ist ein Thema, das noch mal mehr zum „Ausblenden“ einlädt. Unter Drogen gesetzt zu werden, sich an nichts zu erinnern, ausgeliefert zu sein und einen totalen Kontrollverlust zu erleben etc. – das macht große Angst.

Was sind K.O.-Tropfen?

Unter dem Begriff „K.O.-Tropfen“ werden verschiedene Substanzen zusammengefasst, die anderen Personen unbemerkt verabreicht werden, um sie in einen wehrlosen Zustand zu versetzen und zu vergewaltigen. Die Verabreichung der K.O.-Tropfen geschieht oft in der Kneipen- und Partyszene, auf öffentlichen Festen, aber auch auf privaten Feiern und Treffen. Auch im Rahmen von sexualisierter Gewalt in Paarbeziehungen und von sexuellem Missbrauch an Kindern kommt das Verabreichen von betäubenden Substanzen vor. Die Substanzen werden meist alkoholischen Getränken beigemischt. Aber auch die Beimischung in Gebäck oder anderen Speisen wurde schon nachgewiesen.

Die Substanzen wirken kurze Zeit nach der Verabreichung. Sie sind meistens geschmacks- und geruchsneutral und farblos, einige können ein leichtes Bittermandelaroma haben oder leicht salzig sein. Die gleichzeitige Einnahme von Alkohol ist wirkungsverstärkend. Die Wirkung kann innerhalb von 10 - 30 Minuten einsetzen und bis zu 3 Stunden oder mehr anhalten.

Die Nachweisbarkeit der Substanzen in Blut und Urin ist nur in einem engen zeitlichen Fenster möglich (max. acht Stunden im Blut und 12 Stunden im Urin).In speziellen Haaranalysen sind die Substanzen länger nachweisbar. Bis 3 Tage nach der Beibringung ist eine Blut- und Urinprobe dennoch sinnvoll.

Wie sie wirken

Die Wirkung der Substanzen ist dosisabhängig. K.O.-Tropfen können niedrig dosiert zunächst enthemmend wirken. Opfer fühlen sich willenlos. In nächst größeren Dosierungen verursachen sie Benommenheitsgefühle, Wahrnehmungsstörungen bis hin zu totalen Erinnerungsverlusten. Sie beeinträchtigen die Sprache und die Bewegung. Sie können außerdem bis zur Bewusstlosigkeit führen und sogar tödlich wirken.

Viele Betroffene glauben, den erlebten „Filmriss“ selbst herbeigeführt zu haben, etwa weil sie Alkohol getrunken haben. Oftmals kommt es ihnen überhaupt nicht in den Sinn, dass ihnen gegen ihr Wissen Drogen verabreicht wurden. Vielfach besteht auch eine große Furcht, für das Geschehene wegen „mangelnder Sorgfalt“ oder „Trunkenheit“ von anderen verurteilt zu werden.

Aussagen von Betroffenen erscheinen für Außenstehende oftmals widersprüchlich, unglaubwürdig. Frauen haben Erinnerungslücken, einen Blackout und erinnern nur einzelne Bilder. Auch Stunden nach der Verabreichung können Betroffene noch lange bleierne Müdigkeit empfinden.

Zu den verabreichten Substanzen zählen u.a. Barbiturate, Benzodiazepine und vor allem Gammahydroxybutyrat /GHB), Liquid extasy, soap, salty water sowie andere Arzneistoffe (weitere Informationen im Reader).

Nachweisbarkeit
Blut: 1-2 Tage, bei GHB 6 – 8 Stunden
Urin: 2 – 3 Tage, bei GHB 12 – 14 Stunden
Haarprobe: muss nach 3 – 4 Wochen wiederholt werden

Wie merken Sie, dass K.O.-Tropfen eingesetzt sein könnten?

Bei folgenden Symptomen sollten Sie aufmerksam werden:

  • Plötzliche Übelkeit, Schwindelgefühl,
  • Wahrnehmungsschwierigkeiten,
  • Gefühl, wie in Watte gepackt zu sein,
  • Gefühle von Willenlosigkeit,
  • Einschränkungen der Beweglichkeit bis hin zur Reglosigkeit,
  • Erinnerungsverluste.

Nachdem Opfer wieder zu sich gekommen sind, können sie unter starker Übelkeit, Erbrechen, Panik und Angstanfällen leiden. Opfer wachen an Orten auf, die sie nicht kennen oder wissen nicht, wie sie dorthin gelangt sind und was in den letzten Stunden vorgefallen ist.

Was tun bei Verdacht?

Bei Verdacht auf K.O.-Tropfen ist es wichtig, dass Sie schnell handeln, da einige Substanzen nur wenige Stunden im Blut nachgewiesen werden können. Sie sollten sich möglichst sofort ärztlich untersuchen und Verletzungen attestieren lassen. Wenden Sie sich zur weiteren Unterstützung an eine Beratungsstelle.

Auch wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie eine Anzeige erstatten wollen, lassen Sie sich untersuchen. Verletzungen, blaue Flecken etc. können so für eine spätere Anzeige dokumentiert werden. Eine Urinprobe kann 2-3Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden und noch zur möglichen Spurensicherung dienen.

Auch bei übermäßigem Alkoholkonsum scheuen Sie sich nicht, den Verdacht zu äußern. Bei einer ärztlichen Untersuchung sollte immer eine Urin- sowie Blutprobe genommen werden.

Wie können Sie sich schützen?

Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Es gibt Verhaltensregeln, die Sie beachten und die Sie schützen können. Dabei geht es nicht darum, Sie zu verunsichern und die Freude an Parties zu nehmen. Aber auch hier gilt der Grundsatz: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

  • Lassen Sie Ihr eigenes Glas an öffentlichen Orten oder auf Parties nicht unbeobachtet. Bestellen Sie sich lieber ein neues Getränk, wenn Sie unsicher sind.
  • Sie müssen keine offenen Getränke von Leuten annehmen, die Sie nicht kennen. Sie dürfen „unhöflich“ sein.
  • Bei Übelkeit oder Unwohlsein sprechen Sie unbedingt Freunde oder Personal an. Im Zweifel verlassen Sie die Party.
  • Generell ist es besser, wenn Ihnen auf einer Party etwas komisch vorkommt, der eigenen Intuition zu vertrauen und gegebenenfalls lieber die Party (am besten zu zweit) zu verlassen.
  • Wenn Sie einen Filmriss haben und/oder blaue Flecken und Verletzungen, die Sie nicht einordnen können, vertrauen Sie sich jemandem an.

Was können Sie tun, wenn Sie etwas beobachten?

Hingucken statt wegsehen und im Zweifel handeln! Das bedeutet, kümmern Sie sich um FreundInnen, die scheinbar zu viel getrunken haben und denen es schlecht geht. Es ist wichtig, sie nicht allein zu lassen. Es ist immer ratsam, Personal oder Türsteher aufmerksam zu machen, wenn es einen Verdacht gibt.

Verantwortungsvolles Handeln kann auch bedeuten, sich einzumischen und Stellung zu beziehen, wenn man von Freunden erfährt, dass sie K.O.-Tropfen benutzen wollen, um Mädchen und Frauen gefügig zu machen. Es ist Ausdruck von Stärke, wenn man sich traut zu sagen, wie verabscheuungswürdig so eine Tat ist und andere Personen davon in Kenntnis setzt.

Die reine Beschaffung und der Besitz von K.O.-Tropfen sind ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Einsatz von K.O.-Tropfen stellt eine schwerkriminelle Handlung dar, die mit Haftstrafe belegt wird.

Anlaufstellen im Verdachtsfall

Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen Hannover e.V.
Goethestr. 23, 30169 Hannover

Tel.: (0511) 33 21 12
info@frauennotruf-hannover.de

Telefonische Sprechzeiten:

  • Montag: 15.00 – 18.00 Uhr
  • Mittwoch: 10.00 – 12.00 Uhr
  • Freitag: 10.00 – 13.00 Uhr

Violetta Fachberatungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und jungen Frauen e.V.
Seelhorststr. 11, 30175 Hannover
Tel. (0511) 85 55 54, Telefonische Sprechzeiten: Dienstag: 16.00 – 18.00 Uhr, Donnerstag: 10.00 – 13.00 Uhr

Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Tel.: (0511) 532 - 45 70

Polizeidirektion Hannover Fachkommissariat für Sexualdelikte
Tel.: (0511) 109 51 31, erreichbar zu den üblichen Bürozeiten

Polizeidirektion Hannover Kriminaldauerdienst
Tel.: (0511) 109 52 22, erreichbar rund um die Uhr

Informationen zur Strafverfolgung

Bei dem Verdacht auf K.O.-Tropfen ist es wegen der geringen Zeitspanne der Nachweisbarkeit von Substanzen für die Strafverfolgung wichtig, Beweismittel umgehend zu sichern.

Daneben sollten die – bei allen Sexualstraftaten – notwendigen Untersuchungen durchgeführt werden (Verletzungen aufnehmen, Spermaspuren etc.)

Zur Beweissicherung gehört die Aufbewahrung von Blut und Urin des Opfers, sowie von sonstigen möglicherweise vorhandenen Beweismitteln wie Gläser, Flaschen, Tabletten usw. Liegt die Tat längere Zeit zurück, besteht die Möglichkeit, Substanzen in Haaren nachzuweisen.

Erfolgt eine Strafanzeige, werden die Kosten für diese Beweissicherung im Rahmen des Strafverfahrens getragen. Eine selbst veranlasste Untersuchung bzw. Beweissicherung bei der Gerichtsmedizin ist kostenpflichtig. Die Möglichkeit einer anonymen Beweissicherung bei ProBeweis an der Medizinischen Hochschule (verfahrensunabhängige Beweissicherung) ist auch bei Verdacht auf K.O.-Tropfen möglich (Asservierung der Spuren, in der Regel keine Haaranalyse).

Wir bieten Ihnen Unterstützung an: siehe Prozessbegleitung und Strafanzeige.

Mehr Informationen: Folder von ProBeweis

Plakat zum Thema K.O.-TropfenAufklärung
Generell stellt nur ein geringer Prozentsatz bei sexueller Gewalt eine Strafanzeige. Bei Verdacht, Opfer von sogenannten K.O.-Tropfen geworden zu sein, noch weniger. Es herrscht Unsicherheit darüber - wie die Vorfälle in Beratungsstellen und bei Strafverfolgungsbehörden beurteilt und ernst genommen werden, - ob ein Blackout allein auf einen Alkoholmissbrauch zurückgeführt wird, da die Substanzen häufig auf Parties Getränken beigemischt werden und dort viel Alkohol konsumiert wird.

Die kurze Zeitspanne der Nachweisbarkeit lässt Täter sich sicher fühlen. Und es herrscht immer noch die Meinung, bei dieser Thematik handele es sich nur um sogenannte Fremdtäter, die bei Parties unbemerkt etwas ins Glas kippen. Mittlerweise ist deutlich, dass auch hier Täter aus dem nahen Umfeld kommen und Substanzen nicht nur auf Parties beigemischt werden.

Informationen über Vorkommen und Ausmaß müssen sachlich in die Öffentlichkeit getragen werden, ohne zu verunsichern und Angst zu machen.

Wahrnehmung
Bei Beratungen und insbesondere bei der Befragung durch Strafverfolgungsbehörden sollte auch an die Verabreichung von betäubenden Substanzen bei sexueller Gewalt an Frauen in Betracht gezogen werden. Insbesondere wenn Symptome wie Erinnerungslosigkeit, Blackouts, Konzentrationsschwierigkeiten, Benommenheit und andere Umstände geschildert werden, die auf eine unbemerkte Beibringung von sog. K.O.-Tropfen schließen lassen. Eine vorurteilsfreie Berücksichtigung dieser Möglichkeit ist dann wünschenswert.

Sensibilisierung
Die spätere Aufarbeitung einer solchen Gewalterfahrung in Beratung und Therapie setzt besondere Interventionen und Vorgehensweisen voraus. Häufig fehlen in Therapie- und Beratungseinrichtungen Kenntnisse über die Wirkungsweisen und Symptome betäubender Substanzen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Ebenso notwendig ist ein Ausbau der interdisziplinären Zusammenarbeit aller Einrichtungen und Institutionen, die in solch einem Fall damit beschäftigt sein können. Dazu gehören Ärzteschaft, Kliniken, Rettungsdienste, aber auch die Strafverfolgungsbehörden sowie Beratungseinrichtungen.

Fortbildungen und Schulungen
Und dazu benötigen wir Fortbildungen von Fachkräften für dieses Thema und Schulungen für Rettungskräfte etc.
Denn: Die Vermittlung von Informationen dienen der Prävention und damit dem Schutz für potentiell Betroffene. Die Sensibilisierung von Fachkräften und Unterstützungspersonen hilft, weitere Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und das wichtigste Ziel ist der Ausbau und die Intensivierung der Vernetzung – denn: das Thema braucht viele Verbündete.

Langfristige Ziele in unserer Aufklärungsarbeit sind u.a.:

  • Kampagnen sollten eingebettet sein in die Drogenprävention und Gewaltprävention (Vernetzte Kampagnen)
  • Fortbildungen für Rettungssanitäter und Hausärzte
  • verwendete Wirkstoffe sollten farblich und geschmacklich verändert sein
  • in Diskos, bei öffentlichen Feiern wie Schützenfeste etc. nur Getränke mit Deckeln ausgeben
  • Konzepte für Beratungen erarbeiten

Foto zur Kampagne gegen K.O.-Tropfen Foto zur Kampagne gegen K.O.-TropfenPlakate und Postkarten

Seit 2008 informieren wir in größeren Abständen mit Plakaten und Gratis-Postkarten (Citycards) unter dem Motto „K.O.-Cocktail: Dieser Cocktail macht mehr als nur einen Kater“ in Kneipen, Cafes Sportstudios und Diskotheken stadtweit über die Gefahren, die von sogenannten K.O.-Tropfen ausgehen. Dieses Projekt führen wir in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle Violetta (Fachberatungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen) durch.

Diese Öffentlichkeitskampage war nur möglich durch die Unterstützung von Mehr-Aktion für Kinder und Jugend e.V., durch das Sponsoring der Novum Werbemedien sowie der Region Hannover und dem Fachbereich Jugend und Familie der Landeshauptstadt.

Schulbesuche

Im Herbst 2010 besuchten Mitarbeiterinnen des Frauen-Notrufs und der Beratungsstelle Violetta neunte und zehnte Klassen weiterführender Schulen in Hannover, um Schülerinnen und Schüler über die Gefahr von sogenannten K.O.-Tropfen zu informieren und Schutzmöglichkeiten aufzuzeigen. Vorher fand eine Fragebogenaktion an ausgewählten Schulen statt, um den Informationsstand bezüglich sogenannter K.O.-Tropfen bei 16 bis 17-Jährigen zu erfahren.

Titelblatt Reader zum Thema K.O.-TropfenUns ist es wichtig, hier am Ball zu bleiben und immer wieder die Öffentlichkeit über die realen Gefahren von K.O.-Tropfen zu informieren. Frauen und Mädchen sollen wissen, was zu ihrem Schutz wichtig sein kann, dass sie Fragen stellen können und es Unterstützungsmöglichkeiten gibt.

Unser Ziel bei den Schulbesuchen ist es, Mädchen und junge Frauen zu ermutigen, auf ihr Gefühl zu hören, wenn ihnen etwas in der Disko oder Kneipe merkwürdig vorkommt. Die Verabreichung von K.O.-Tropfen ist eine geplante Straftat, die nicht bagatellisiert werden darf.

Mehr Informationen zum Thema K.O.-Tropfen finden Sie in unserem Reader (PDF-Dokument).