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Frauen erzählen

Über "Frauen erzählen"

Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e. V. HannoverFrauen erzählen von ihren Erfahrungen, ihren Wegen, Stolpersteinen auf den Wegen und immer wieder ihrem Mut zum Weitermachen - in Gedichtform, in kurzen Texten oder auch längeren Ausführungen.

Gern können weitere Texte eingesandt werden. Wir behalten uns vor zu prüfen, ob sich der Beitrag für diese Seite eignet. Wir geben auf jeden Fall eine Rückmeldung.

Die beiden Texte „In der Mühle“ und „Nach vielen Jahren“ befinden sich ebenfalls in unserer Jubiläumsbroschüre von 2013. Dieses sind ihre ausführlicheren Geschichten.

Kämpfe jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde!
Gib niemals auf! Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde!
Auch wenn Du das Gefühl hast, es bricht alles über dich ein, und Du fällst hin. Steh wieder auf! Zeige ihm wer Du bist! Was Du kannst! Denn Du bist eine starke Persönlichkeit mit all deinen Facetten und Schönheiten! Glaube and Dich und Deine Stärken! Denn Du hast diese!
Auch wenn Du oft das Gefühl hast, sie nicht zu besitzen und glaubst sie verloren zu haben. Doch Du hast sie! Ganz bestimmt.
Lass Dich nicht unterkriegen, auch wenn es härter kommt als du gedacht hättest.
Wenn Du das Gefühl hast, Dich verloren zu haben, voller Angst, Traurigkeit, Wut und Verzweiflung bist und Dir die Tränen laufen, nicht schlimm! Es ist okay
Kämpfe für Dich weiter, Stück für Stück.
Schritt für Schritt, kämpfst Du dich ins Leben zurück.
Und Du wirst merken, dass du nicht allein bist auf der Welt. Es gibt bestimmt eine Person, die dir dabei hilft. Dich Unterstützt, die da ist für dich, und dich auch tröstest, wenn du traurig bist.
Du wirst auch die Sonne wieder in deinem Herzen spüren können und die kleinen Schönheiten, die der kleinen Momente des Lebens wiederentdecken und fühlen.
Auch wenn der Weg lang, hart und beschwerlich ist und Du über Steine stolperst.

Habe Nur Mut!
Traue dich, denn du hast nichts zu verlieren!
Gib niemals auf und Glaube an dich! 

Mallory

In meinem Umfeld wusste niemand, dass nach so einer Tat der erste Weg zur anonymen Spurensicherung im Krankenhaus und danach zum Frauennotruf gehen kann. Noch bevor man zur Polizei geht! Das wäre auch in meinem Fall besser gewesen.
Um mich herum haben sie gedacht, sie nähmen mich besser an die Hand, denn verwirrt wie ich wäre, wüsste ich gerade nicht, was gut ist; sie regeln das jetzt.

Da draußen
Ich ging zur Polizei und zeigte die Vergewaltigung an. Als ich die Anzeige gemacht habe, drückte mir eine Polizistin eine Broschüre vom Frauennotruf in die Hand. Sie war nett zu mir, aber nicht gut geschult, was den Frauennotruf betrifft. Die Polizistin hat mir erklärt, das sei eine Selbsthilfegruppe, da könne ich mit anderen Frauen darüber sprechen, da wäre ich unter Gleichgesinnten. Das löste in mir Alarm aus. Ich hatte genug mit mir selber zu kämpfen, ich wollte nicht wissen, was anderen Frauen widerfahren ist. Die Broschüre habe ich nicht gelesen, denn ich wollte für mich sein, überhaupt nicht damit konfrontiert werden.
Da draußen ist den Leuten nicht bewusst, was hier im Frauennotruf alles geleistet wird. Das war mir vorher auch nicht bewusst, weil ich zu denen da draußen gehört habe. Aber es kann jeder Frau passieren. Und jeder Mann kann eine Freundin oder Frau haben, der es passiert.

Durchwursteln
Ein Jahr lang verdrängte ich alles, da war ich wie ein Roboter. Ich hatte noch Panikattacken und Wut in mir, aber mehr war nicht. Ich habe Vollzeit gearbeitet, habe möglichst versucht, nicht darüber nachzudenken. Die Gefühle dazu waren komplett tot. Es waberte teilweise in meiner Erinnerung. Manchmal kam es auch hoch geschossen. Aber ich habe irgendwie versucht, mich durchs Leben zu wursteln. Habe versucht, Normalität hinzukriegen.

Der Absturz
Nach einem Jahr stürzte alles ein. Die Vorladung kam ins Haus. Ich wusste, dass ich jetzt in einen Raum komme, wo er sitzt. Meine Anwältin hatte ich gefragt, ob ich in einem anderen Raum vernommen werden könnte. Doch sie meinte, das wird bei Erwachsenen nicht gemacht. Jetzt kam alles hoch geschossen: die Ängste, die Erinnerungen. Da brach alles in mir zusammen. Innerhalb weniger Monate hat immer weniger funktioniert. Immer mehr Katastrophenalarm bei mir. Und Alpträume. Ein Totalabsturz.
Meine Freunde haben einiges mitgemacht, aber irgendwann haben die dann auch gesagt, sie können nicht mehr. Ich habe fast alle Freunde verloren. Nur zwei, drei Leute aus meinem früheren Umfeld habe ich ins neue Leben herüber genommen. Viele Leute habe ich selber entlassen, weil die nicht feinfühlig genug waren oder weil es von einem Tag auf den anderen zwischenmenschlich nicht mehr passte. Die konnten mit einer traumatisierten Frau nichts anfangen. Zuerst reagierte ich mit Wut. Mittlerweile kann ich die verstehen. Irgendwann traut man sich nicht mehr, im privaten Umfeld noch was zu sagen, weil man andere nicht belasten will. Um die schlimmste Krisenzeit zu meistern, machte ich eine stationäre Psychotherapie.

Möglichkeiten
In der Klinik wurde mir noch mal erklärt, wie der Frauennotruf arbeitet. Dass es nicht um gemeinsames Selbstmitleid geht, sich gegenseitig die Händchen haltend und auf die bösen Männer schimpfend. Ich solle mich da ruhig mal melden. „Lesen Sie sich wenigstens die Broschüre durch.“ Das habe ich dann gemacht. Dann dachte ich, das gucke ich mir mal an. Ich bin total froh, dass ich das gemacht habe.
Sobald man hier zur Tür rein kommt, wird einem gleich erklärt: Man kann immer „Nein“ sagen. Man wird hier gleich – das finde ich auch sehr gut – gefragt, wo sie vorsichtig sein sollen, worauf sie achten sollen, sei es bestimmte Körperbewegungen oder Worte. Die Frauen hier kennen sich aus und sind sehr feinfühlig. Ich habe es noch nie erlebt, dass so auf meine Wünsche eingegangen wird und auf das, was ich brauche. Sie haben gesagt, wenn was ist, suchen Sie sich einen Duft aus, halten Sie sich den an die Nase. Ich hätte nie gedacht, dass sie auch wissen, dass es Frauen gibt, die hypersensibel auf Düfte reagieren und dann einen Duft brauchen, der ihnen gut tut oder sie ablenkt. Ich bin hier oft überrascht raus gegangen, weil mir hier Dinge angeboten oder gesagt wurden, wo ich nie gedacht hätte, dass die auch das und das noch wissen und sich auch damit und damit noch auskennen.
Gut ist auch, dass die Räume unterschiedlich groß sind. Wir waren mal in dem kleinsten, weil andere Räume besetzt waren. Ich war noch so belastet, dass ich diese Enge nicht ertragen nicht konnte. War froh, dass wir in einen größeren Raum ausweichen konnten.
Vorher hätte ich nie gedacht, dass es so eingerichtet ist und die Mitarbeiterinnen sich so einstellen auf die Frauen. Nur die Schuhe auszuziehen, damit fängt es schon an. Irgendwann konnte ich innerhalb der Stabilisierungsgruppe die Schuhe ausziehen. Das können sich andere nicht vorstellen, dass das echt ein ganz großes Problem sein kann. Man kann sich auf Meditationskissen setzen. Man kann auf einem Stuhl, man kann auf einem Sessel sitzen. Man kann sich eine Decke drüber legen. Ich finde es total süß, dass hier Kuscheltiere rumlungern. Wichtig ist auch, sich den Platz selber aussuchen zu können, wo man sitzen möchte. Ich brauche den Blick zur Tür. Die Möglichkeiten sind hier vielfältig, das finde ich sehr gut. Die ganze Atmosphäre ist ruhig, warm, freundlich. Nicht nur die Einrichtung, auch die Mitarbeiterinnen. Das hat eine Menge in mir bewegt.

Der Prozess
Ich wäre gestorben, wenn ich ohne Prozessbegleitung vom Frauennotruf in den Gerichtssaal gegangen wäre. Der Angeklagte war viel zu nahe. Mein Hals wurde eng, mir liefen die Tränen, ich hatte Rauschen im Kopf. Ohne die Begleitung vom Notruf hätte ich meine Aussage nicht machen können. Wirklich nicht. Ich hätte kein Wort raus gekriegt.
An jedem Prozesstag war der Frauennotruf dabei, und es folgte Prozess auf Prozess. Schlimm. Berufung, juristische Fehler – das zog sich über Jahre hin, und ich musste immer wieder aussagen. Wie ein Schleudergang in der Waschmaschine. Ich brach schließlich zusammen. Im vierten Prozess fehlte meine Aussage – obwohl ich die schon so oft gemacht hatte. Man muss selber dort sitzen und so oft aussagen, wie sie wollen. Aber ich konnte nicht mehr. Deshalb wurde er dann freigesprochen, obwohl er in erster Instanz schuldig gesprochen worden war.

Hilfe
Zum Glück hatte ich ein Team – eine Rechtsanwältin, einen Psychiater, eine Psychotherapeutin und den Frauennotruf – um mich herum. Ohne die Hilfe vom Notruf wäre ich gnadenlos untergegangen. Wegen der Prozessbegleitung und der Gruppen, aber auch wegen der Beratung. Wer hätte mir sonst helfen können, als ich kein Geld für die Mietsicherheit hatte? Ich musste umziehen. Hatte auch keine Möbel. Oder wenn die Krankenkasse sagt, jetzt sind Sie austherapiert. Wer hilft mit Anträgen, wie nützt das Opferentschädigungsgesetz? Das weiß vorher niemand. Aber hier wissen sie das.
Durch die Hilfe habe ich auch meine Worte wieder gefunden. Was das Thema betraf, haben mir lange Zeit die Worte gefehlt. Dann habe ich die Worte wieder gefunden. Endlich wieder reden. Nicht nur über die Tat! Auch über das Befinden. Für mich ist wichtig, dass ich lerne, nachts richtig zu schlafen. Dass ich Panikattacken und Depressionen und Essstörungen in den Griff kriege. Alleine bei dem Gedanken, in ein Café zu gehen, kriegte ich panische Zustände. Ich bin froh, dass es mittlerweile halbwegs geht. Aber auch nicht immer.

Nicht mehr hinnehmen
Es wirkt sich auf das gesamte Leben, den gesamten Alltag aus. Dass man nicht mehr durchsetzungsfähig ist. Dass man selbst beim Brötchenkauf ein Problem hat, „Nein“ zu sagen. Man lässt vieles stumm über sich ergehen.
Gut war da das WenDo-Training. In den Stunden hier habe ich gelernt, dass wir so erzogen werden, Vieles hinzunehmen. Es heißt dann: „Stell dich nicht so an!“ Von Kindesbeinen an sind wir in Situationen, wo ein „Nein“ nicht akzeptiert wird. Dadurch werden unsere Antennen abgestumpft. Aber es ist möglich, unsere Antennen wieder hoch zu kriegen. Erstaunlich, was in uns steckt! Dass wir den Täter eigentlich schon vorher eingeschätzt haben. Aber wir waren abgestumpft und haben nicht gelernt, richtig „Nein!“ zu sagen.

Überlebt
Hätte ich das Team nicht um mich herum gehabt, ich weiß nicht, wo ich heute wäre. Aber ganz bestimmt würde ich nicht hier auf dem Stuhl sitzen. Das hätte ich ohne all diese Leute nicht geschafft. Das wäre eine Katastrophe gewesen.
Ich bin froh, dass ich am Leben bin. Und ich versuche, mein Leben zu gestalten, soweit, wie es eben möglich ist. Und dass es gut ist. Dass das Leben Spaß macht. Auch mit diversen Einschränkungen; auch, wenn es mir nicht immer möglich ist. Aber ich versuche es.

Etwas stimmte nicht. Das wusste ich. Aber als kleines Kind konnte ich es nicht ausdrücken. Mein Vater hatte mir verboten, mich zu wehren oder über das zu sprechen, was er mit mir machte. Ich hielt mich daran – aus Angst, dass es sonst noch schlimmer würde. Als Kind ist man abhängig, und mein Vater war ein Fachmann darin, Tatsachen zu verdrehen. Rund fünfzehn Jahre lang schützte meine Familie nicht mich, sondern das Geheimnis. Sie sahen weg und überhörten meine Hilferufe.
Wir müssen sprechen. Wie sonst sollen Mädchen ihre Grenzen wahrnehmen und verteidigen, wenn ihnen das nicht vermittelt wird? Wenn sie von Kindesbeinen an gelernt haben: Ich muss mich anfassen lassen.

Ausbruch
"Als ich mit 13 in der Bücherei verschiedene Texte fand, war ich wie elektrisiert. Frauen erzählten dort davon,
aus dem Gefängnis der Gewalt auszubrechen. Es gab also noch andere, und die haben es dort raus geschafft."Da hat es bei mir „Klick“ gemacht, und ab da begann ich mich zu wehren. Zum Glück hatte ich eine rebellische Natur.
Als ich volljährig war, bin ich fluchtartig ausgezogen und aus dem Kreislauf ausgebrochen. Das rettete mir das Leben.
Viele Jahre lang drängte ich alle Erinnerungen weg. Aber es passierten laufend andere Übergriffe von Männern. Es war, als hätte ich ein Brandmal auf der Stirn.

Hilfe?
Dann habe ich mich umgesehen, wer mir helfen könnte. Ich war in christlichen Beratungsstellen, und dort wurde mir gesagt, ich solle mich dem Glauben mehr zuwenden und dem Täter vergeben. Die wussten nicht, worum es wirklich ging. Da machte ich natürlich dicht.
Schließlich, 20 Jahre nach meiner Flucht aus dem Elternhaus, suchte ich Hilfe beim Frauennotruf. Im Internet fand ich ihren Grundgedanken, dass sie hinter den Frauen stehen, sehr ermutigend.
Ich dachte, die werden mich verstehen. Und das habe ich dann auch so erlebt: Sie ergriffen für mich Partei. Das hatte vorher niemand getan.
Die Frauen im Notruf hörten zu, und sie suchten mit mir meinen persönlichen Weg. Sie nahmen mich eine Weile an die Hand. So konnte ich zu einer starken und selbstbewussten Frau heranreifen und meine eigenen Fähigkeiten entdecken.

Nicht so schlimm?
Endlich wurde mir geglaubt. Als ich Kind war, war alles in Frage gestellt worden: „Was erzählst du denn da?“ Das zog sich weiter durchs Leben. Auf einmal gab es nun Frauen, die mir glaubten.
Im Frauennotruf konnte ich auch von unguten Gefühlen erzählen, wenn mich jemand belästigt hatte. Vorher hatte ich so etwas immer an die Seite geräumt, weil mir sowieso nicht geglaubt wurde, und ich hatte meiner Wahrnehmung selber auch nicht getraut. Die Mitarbeiterin ging darauf ein und half mir, meine Wahrnehmung ernst zu nehmen. Das war ein Wendepunkt.
Danach lernte ich, Grenzen zu setzen. Vorher traute ich meinen Gefühlen nicht. Ständig waren sie in Frage gestellt worden. Ich war unsicher, wo meine Grenzen sind. Die wurden immer niedergetrampelt. Dadurch lernte ich, Grenzen zu ziehen, die dann auch von anderen wahrgenommen werden – 20 Jahre nach meiner Flucht aus dem Elternhaus.

Stark
Auch WenDo, also Selbstverteidigung, war grandios. Die Trainerin passte die Übungen an das an, was die Frauen erlitten hatten. Und wir erlebten, wie stark wir sein können. Ich fand es toll. Im Grunde würde ich jeder Frau empfehlen, das zu machen. Es gibt ein paar Tricks, die sind super. Alleine der Tipp, nicht die Luft anzuhalten, sondern weiter zu atmen, damit man nicht in eine Starre fällt.
Wichtig war für mich auch, dass im Notruf geguckt wurde, welche Dinge mir gefallen und Freude machen. Trotz allem will ich ein erfülltes Leben haben.
Das Trauma trägt man das ganze Leben mit sich herum. Aber bei mir hat sich vieles gebessert.
Was ich anderen Frauen sagen möchte? Gebt niemals auf!

(Bearbeitet von Kirsten Plötz)

"Weil Leben mehr als Gestern ist"

„Weil Leben mehr als Gestern ist“ war der Titel einer Kunstwoche, die wir 2008 veranstalteten. Dies sind einige der Zusendungen zu einem geplanten „Mutmach-Buch“, das leider nicht realisiert werden konnte.

Langsam kann ich das Ausmaß der kindlichen Verwundungen erfassen, die mir durch den sexuellen Missbrauch von mehreren Tätern und Täterinnen zugefügt wurde. Der Alkoholismus meiner Eltern und die besondere Gewaltbereitschaftsfreude meiner Mutter sorgten auch nicht gerade dafür, sicher und behütet aufzuwachsen.

Und ganz langsam verstehe ich auch, dass mein Heilungsprozess nach der letzten Vergewaltigung sein eigenes Tempo verlangt.

1998 bin ich fast ums Leben gekommen, nicht nur durch die Tat selbst, sondern auch die Folgeschäden brachten mich dem Tod näher als dem Leben. Alle traumatischen Wunden sind aufgeplatzt – unerträglich der Schmerz. Die Todessehnsucht war manchmal größer als die Todesangst. Meine Seele lag im Sterben, meine Würde zerstört.

Irgendwann ging gar nichts mehr. Neben den posttraumatischen Belastungsstörungen waren die Angstzustände mit den willkürlichen Panikattacken das Schlimmste. Ein Gang vor die Tür. Undenkbar! Jahrelang!

Trotz des Schreckens meines Lebens hatte ich weder meinen Kampfgeist noch meinen Humor verloren. Es gab nur den Weg der Heilung für mich, sonst wäre ich gestorben. Ich wollte unbedingt wieder glücklich werden, denn kein Mensch sollte die Macht besitzen, mein Leben zu zerstören. Dass mein Weg so schwer zu gehen war, musste ich immer wieder feststellen. Manchmal schien das Weitergehen grausamer zu sein als das Aufgeben. Und doch bin ich vorwärts gekommen. Ich habe wunderbare Therapeutinnen und Therapeuten auf meinem Weg getroffen. Sie haben mich liebevoll durch die entsetzlichste Hölle und die tiefsten Täler begleitet, so dass ich wieder lernen konnte, die Sonne zu sehen.

Auch wenn ich besondere Freundschaften hege, gibt es Momente, in denen ich mich furchtbar alleine fühle, so wie früher in meiner Kindheit, als niemand etwas merken durfte.

Wenn das „schlimme“ Thema nicht angesprochen wird, ist es auch nicht da. Und doch tauchen Aspekte des Überfalls aus dem Hinterhalt auf, wollen gesehen und gespürt werden. Vor allem die Wut, die ich nicht besonders gut leben kann fordert dann unmissverständlich meine Aufmerksamkeit. Dann möchte ich schreien und dem Täter am liebsten ins Gesicht springen.

Jetzt zehn Jahre danach bin ich wieder im Besitz meines ureigenen Kerns, der absolut unantastbar und heile ist. Der mir nach der Bewältigung des Traumas geradezu Flügel verleiht. Ich habe eine Kraft in mir gefunden, die mich Dinge machen lässt, von denen ich früher vielleicht mal geträumt hätte.

Ich bin immer rund, eher unsportlich und Schmerz belastet gewesen und dennoch sprühte ich auch vor Lebensfreude. Allerdings sah es nie so aus, als könnte ich kleine oder große Berge versetzen.

Heute bin ich schlank, gesund und Halbmarathonläuferin. Ich habe mir mein Leben zurückgeholt. Dass ich jetzt querfeldein laufen und durch die Wälder radeln kann, ist mein größtes Glück.

In diesem Jahr werde ich 50 Jahre jung und meinen ersten Vollmarathon in meiner Geburtsstadt laufen.

Wirklich alleine bin ich auch nicht mehr, denn ich habe mich in meinem Leben.

Meine Seele ist geschädigt – keine Frage – und doch kann ich immer wieder den Platz in mir aufsuchen, der unversehrt und gesund ist.

Ich kämpfe nicht mehr und gebe mir die Zeit, die brauche, um meinen Heilungsweg – inzwischen in Liebe – weiterzugehen.

(Autorin: Eleonore)

Erdrückend. Einschnürend.
Beängstigend. Bedrohlich.
Alles beeinflussend.
So stark, dass alles andere unwichtig und
klein ist.
Zieht dir den Boden unter den Füßen weg.
Sorgt für Entscheidungen, vielleicht
unsinnig, aber lebenserhaltend.
Ist so übermäßig.
Tränen. Panik. Weglaufen.
Fliehen. Aber wohin?
Ist überall und lauert hinter allem und jedem.
Lacht … Wieder gefangen.
Nimmt Arme und Beine. Macht starr.
Bewegungsunfähig. Liebesunfähig.
Beziehungsunfähig.
Ist ständige Gefahr. Ein Leben lang.
Aussichtslos zu entkommen.
Spielt mit dir. Ist ein böser Gegner, gemein, niederträchtig, hinterlistig. Fies.
Kennt alle Tricks, Schwächen und
Hintertürchen.
Kommt so raffiniert und langsam, dass sie hundert Prozent deines Körpers und deines
Geistes besetzt hat, wenn du sie bemerkst.
Kostet so viel Kraft, gegen sie zu kämpfen.

(Autorin: Carmen Lenk, 2008)

Mein Hund.
Der Traum von einem Strand,
azurblauem Meer, schwimmen im
streichelnden warmen Wasser.
Ein Gefühl des Glücks und der Leichtigkeit.
Ein sonniger Sommertag.
Schwimmen im See. Lächeln.
Und wieder mein Hund.
Lehnt sich an mich. Liegt warm und weich
neben mir, während ich schreibe.
Freundin mit Verständnis.
Therapeutin mit den richtigen Worten und
dem richtigen Gefühl auf dem richtigen Weg.
Schulfreund, der mich nicht vergisst.
Neue Wege. Neue Ideen.
Sich frei fühlen. Motorradfahren.
Fliegen. Gleiten. Über den Bergen.
Inliner. Schnell. Schneller. Wagemutig.
Flieder. Den Duft einziehend.
Aufsaugend in meinen ganzen Körper.
Versuch, das Unbeschreibliche zu halten.
Saftiger, lebendiger Rasen. Natur.
Ein Buch, das mich in seine Welt zieht.
Kommt so leicht, dass du sie erst bemerkst,
wenn sie dich hundert Prozent durchdringt.
Kostet Kraft, für sie zu kämpfen.

(Autorin: Carmen Lenk, 2008)

Kurze Erklärung zum Beitrag: Auch wenn der Weg vielleicht sehr kompliziert ist, so genieße ich es doch zum ersten Mal zu fühlen, zu leben - nicht nur ständig mein Ableben zu planen, einfach weil ich die Dinge - all die Alptraumnächte usw. nicht mehr ertragen kann. Und das soll Mut machen: ich bin überzeugt, dass, auf jeden der kämpft, auf jeden der drei Schritte zurück und einen vorwärts geht, aber niemals aufhört zu gehen, ein Leben wartet. Irgendwann schleicht es sich ein und will Beachtung. Auf diesen Moment habe ich fast 40 Jahre warten müssen. Ein langer steiniger Weg - aber ein lohnender. Das Gefühl, einmal ohne Bedrohung im Arm gehalten zu werden, wünsche ich jedem so sehr. Und so erzählt mein Gedicht von den verzweifelten Gedanken gegen das Leben, die Sinnlosigkeit des auf der Welt seins - um im zweiten Part zu reflektieren, was Nähe - vorher gehasste Nähe - doch bewirken kann. In den Armen meiner Freundin Vertrauen spüren, ist ein völlig neues Gefühl. Dafür bin ich so dankbar. Und wie gesagt: ich glaube das es für jeden Betroffenen solche Möglichkeiten gibt: wie immer die auch im einzelnen aussehen mögen: nur: niemals aufgeben, niemals!

Geliebtes Meer-
stürmisch tobst du vor mir.
Inhalt meiner sehnsuchtsvollen Träume-
voller Ruhe und Frieden.
Wunsch nach Endlichkeit-
und Lebensende.
Ertrinkend Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit- Lichtblick für die Besiegung der Vergangenheit.
Befreiend und doch so einengend-
dem Horizont ein allerletztes Mal entgegen- und doch so grausam weit weg von mir.
Wellen umspülen meinen Körper-
Sand will meine Füße wachrütteln:
Was bleibt ist nichts-
eine menschenleere monsterartige Hülle ohne Empfinden.

Plötzlich Du:

Geliebtes Wesen-
stürmisch tobst du vor mir.
Inhalt meiner sehnsuchtsvollen Träume-
voller Ruhe und Frieden.
Wunsch nach Unendlichkeit-
und Lebensanfang.
Betrinkend an dir Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit- Lichtblick für die Besiegung der Vergangenheit.
Befreiend und so erweiternd-
dem Horizont ein allererstes Mal glücklich entgegen- und doch so schmerzlich nah dran bei mir.
Wellen der Leidenschaft umspülen meinen Körper- Sand rieselt zärtlich aus
deinen Fingern und rüttelt mich wach:
Was bleibt ist plötzlich ganz viel –
ein Mensch mit Empfindungen. Ein Mensch. Ja, ein Mensch.

(anonym)

ABGRUND

am Rand gestanden
hinuntergeschaut
Phantasie aufgebaut
wolkengleich – federweich –
Flammenmeer der Seele
dem Nichts entsprungen
schön wie die Ewigkeit -
flau im Magen – klar im Kopf
die Weite – die Schönheit – das Licht
die Gefahr
Fliegen ist herrlich – du willst es erleben
Fliegen ist schön – das Gleiten – das Schweben
im schwerelosen Raum
ein Gedanke – ein Traum
sich fallen lassen – getragen von Engeln
getragen vom Licht
fallen und schweben
schweben und fallen – die Landung ist hart
die Realität plötzlich nah
am Rande gestanden

ABGRUND

(Autorin: ElSchu)

STEINE

sie liegen – sie glänzen – sie sehen
so wunderschön aus
ins Rollen bringen - im Weg liegen
Stein auf Stein

eine Mauer
gezogen – abgegrenzt
ein Haus
es beherbergt – es schützt

STEINE
sie werden gelegt – sie werden geworfen –
sie zerstören – sie verschütten
wer wirft den ersten Stein
wer geht den steinigen Weg
versteinert – verhärtet – erstarrt

STEINE
sie schmücken – sie halten - sie sehen
so wunderschön aus
Edelsteine – Bausteine –
grosse Steine – kleine Steine
sie gehören zum Leben dazu

STEINE

(Autorin: ElSchu)

Gewissen

ein schlechtes machen
gewissenlos handeln
im gewissen Sinne - die Seele fragen
angeboren – das Gewissen
eingepflanzt – anerzogen

Gewissen

ein schlechtes haben
ich war noch ein Kind
da wurde es gemacht
hab nicht drüber nachgedacht
heut kommt es von selbst
lässt sich nicht mehr lenken
es will mich knebeln will mich fesseln

schlechtes Gewissen ist ein schlechter Freund
will keinen verletzen
will anderen helfen – mich immer einsetzen
doch mit gutem Gewissen
das schlechte kann gehen
kann mich lassen – nicht erfassen
kann auch ohne
sehr gut leben

Gewissen

mit guten Gefühlen
möchte ich agieren
mich nicht reduzieren
auf Schablonen
aus dem ewigen Gestern

(Autorin: ElSchu)

VERGANGENHEIT

Zeit ist vergangen
in Gefühlen gefangen
am Anfang war NICHTS
am Anfang war ALLES

die Vergangenheit trägt uns
ganz langsam ins heute, sie macht aus uns Leute,
sie macht aus uns Menschen
sie bringt von den Ahnen
sie lässt uns erkennen –
sie lässt uns spüren wie klein wir sind
sie lässt uns erfahren - sie lässt uns berühren
die eigene Seele –

das Gestern ist hier
es macht uns die Enge – es gibt uns Befehle
du kannst es nicht sehen – du kannst es nur schmecken
du kannst es nicht hören – es kann sich verstecken
hol es aus der Tiefe und mach es präsent
so kannst du es fassen
du kannst es verlassen
du kannst dich befreien
wirst es nicht bereuen
das Heute beginnt

dein Leben gestalten - Gefühle erhalten
zu D I R dich gesellen
den Himmel aufhellen
die Augen mach auf und die Seele dazu
den Blick in den Himmel
die Wurzeln streck aus
steh fest wie ein Baum doch flieg wie die Wolke
du merkst es noch kaum
der Regenbogen lacht – die Farben er macht
die Sonne schaut zu – die Sterne lenken
das Wasser dich nährt – zum LEBEN schenken
deine Seele erfährt...DU BIST GANZ

HEUTE und immer

(Autorin: ElSchu)

Diese kleine Geschichte von Queeny der Zaunkönigin möchte ich Euch mit auf den Weg geben (engl. von Queen = Königin). Queeny erzählt von Fähigkeiten, die aus der Not entstehen. Queeny konnte nicht mehr fliegen durch ihr Trauma, aber sie ist zu einer erstaunlichen Kletterin geworden! Es lohnt sich zu kämpfen, das ist meine Erfahrung!

Queeny war eine etwas angeschlagene Zaunkönigin. Sie sah aus wie ein braunes Erdkügelchen, nur fehlten ihr die Schwanzfederchen. Die hatte sie in jungen Jahren von einer bösen Elster abgebissen bekommen.
Zum Glück war sie damals so flink und fiel aus dem Nest. So hatte sie nur ihr Schwänzchen verloren und nicht noch mehr.
Queeny fühlte sich aber gar nicht so glücklich ohne Schwanzfedern.
Sie fühlte sich als Außenseiterin und hatte ständig den Eindruck, dass die anderen Vögel sie schief anguckten.
Deshalb kletterte sie ziemlich alleine durch die Büsche, Sträucher, Hecken und Zäune.
Normal hätte sie auch fliegen können, aber ohne ihr kleines Schwänzchen konnte sie nicht so recht steuern und stürzte dann meist kopfüber auf den Boden, der war ja zum Glück sehr weich.
Queeny war deshalb oft sehr betrübt und verkroch sich und weinte. Meist hielt das aber nicht so lange an, weil entweder ein Sonnenstrahl sie sanft wärmte oder ein Wind ihr Gefieder leicht zerzauste.
Dann schüttelte sie ihr Trauer aus dem Gefieder, putzte sich ausgiebig und schüttelte sich noch einige Male und begann dann auf den Zweigen und Ästen herum zu klettern, weil sie ja nicht fliegen konnte.
Ab und zu schaute Frau Krähe vorbei, die sah ziemlich zerrupft aus, weil es in ihrer Familie und bei ihren Freunden ständig Streit ums Futter gab und die nicht sehr zimperlich waren. So sah Frau Krähe wie ein gerupftes Huhn aus.
Gelegentlich kam sie vorbei um sich auszuruhen und ein wenig zu plaudern über dies und das.
Queeny war nämlich eine gute Zuhörerin und gab Frau Krähe auch mal einige Tipps, wie sie besser von Ast zu Ast klettern konnte um so all den unangenehmen Angriffen entgehen zu können. Zwischendurch klagte auch Queeny ihr Leid über ihr abgebissenes Schwänzchen und wie hilflos sie sich fühlte und so verletzlich und schutzlos.
Da war Frau Krähe immer ganz verwundert und meinte, so schlimm sei das doch gar nicht. Immerhin sei sie nun zu einer perfekten Kletterin geworden. Aber da zuckte Queeny nur betrübt mit ihren Federn und sagte, dass alle anderen fliegen könnten, nur sie nicht.
Eines Tages schlug Frau Krähe dann Queeny vor mit ihr fliegen zu üben. Da war Queeny so glücklich, dass sie an ihren Zweig gleich einen Purzelbaum schlug.
Frau Krähe hatte sich nämlich bei Frau Eule Rat eingeholt, die war schon sehr alt u. weise und hatte immer etwas Wichtiges zu sagen.
Also kletterte Queeny auf den Rücken von Frau Krähe und die fegte über Wiesen und Wälder. Und Queeny quietschte vor Freude, als sie so weit oben in der Luft war und alles von oben betrachten konnte.
Das taten sie nun fast jeden Tag .
Queeny saß stolz gebrüstet auf dem Rücken von Frau Krähe und die fegte über die Wiesen und Wälder und Queeny genoss den Wind, der durch ihre Federn ging.
Eines Tages war sie so vom Glück berauscht, dass sie auch ihre kleinen Flügelchen ausbreitete, um ein wenig Wind daran zu lassen. Und da passierte es.
Queeny flog!! Frau Krähe hatte es gar nicht gemerkt.
Jetzt ließ sie sich vom Wind zart durch die Flügel streichen und stellte erstaunt fest, dass sie doch lenken konnte. In all den Wochen war ihr ein klitzekleines Schwänzchen nachgewachsen.
So glücklich hatte man Queeny noch nie gesehen.
Sie setzte sich auf einen Baum und sang all ihre Lebensfreude über ihre neuen Flugkünste heraus. Nun hatte sie-ohne es zu merken-den Teil ihres Lebens, den sie verloren glaubte, wieder bekommen. Sie hatte ihre Lebensfreude zurück und erzählte allen Vögeln, die es wissen wollten, davon und auch, dass sie sogar klettern gelernt hatte, als sie so als Außenseiterin gelebt hatte. Einige Jahre später, als sie schon etwas älter war, ergab es sich, dass die ausgefransten, einbeinigen u. zerupften Vögel bei ihr Trost suchten und fanden. Ab da nannte sie sich "Zaunkönigin", weil sie in ihrer Außenseiterzeit gelernt hatte alle Zäune zu überklettern.

(Autorin: Maria-Ulrike Rainbow)

Gib' nicht auf! Es ist nicht alles dunkel, trüb und grau. Was dir passiert ist, ist so unglaublich schlimm. Ich weiß, du kannst es nicht in Worte fassen. Ich weiß, du kannst nicht daran denken, ohne dass dir schlecht wird. Ich weiß, dass du es nur vergessen willst und einfach so weitermachen willst als wäre nie etwas passiert. Doch das wird nicht funktionieren. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Einzelteile und das weißt du. Du fragst dich jetzt sicher, wie ich dir, die so etwas erlebt hat, mit solchen abgedroschenen Sätzen kommen kann. Du fragst dich, woher ich wissen will wie du dich fühlst, wie schlecht es dir geht und wie verletzt du bist.

Ich habe lange nicht über den dunklen Teil meiner Vergangenheit gesprochen. Doch sie hat mich immer wieder eingeholt. Ich hatte mit 27 Jahren noch immer keinen Freund. Und wenn ich versucht habe, jemand zu finden, habe ich immer den 20 Jahre älteren glatzköpfigen Kleiderschrank ausgesucht, der hätte mein Bodyguard sein können. Das wurde natürlich nichts, höchstens in meiner Vorstellung. Ich konnte mich einfach nicht überwinden. Als ich dann mit 28 meinen ersten Freund hatte, da fing alles wieder an. Der Geruch nach Bier, von dem mir schlecht wurde. Die Bilder vom Wohnzimmer und die Enge im unteren Etagenbett kamen wieder.

Ich habe lange gebraucht bis ich mich wieder an das erinnern konnte, was passiert war. Ich war 13 und in die Pubertät gekommen. Mir wuchsen Brüste und der Freund meiner Mutter interessierte sich nicht nur für sie. Er, abends stets sein Bier in der Hand, stets selbst nach Bier riechend, tat immer seine stinkenden Beine bei mir auf dem Sessel. Eines abends beugte er sich nach vorn, steckte seine Hand aus und griff mir fast zwischen die Beine und meinte auf dem Weg: „Du bist geil auf mich! Du willst es mit mir tun.“ Stellte dann aber fest, nein, ist doch nicht so. Ich war ziemlich irritiert und wusste überhaupt nicht, was er meinte. Einige Zeit später, bin ich nachts auf einmal wach geworden. Der Typ stand vor mir, stank nach Bier und meinte, ich soll doch mal Platz machen, denn er will zu mir ins Bett. Er setzte sich, ich versuchte ihn zu vertreiben. Ein junges Mädchen hat gegen einen 1,80 m Schrank mit heftig Übergewicht leider keine Chance. Er legte sich zu mir ins Bett. Ich habe ihn getreten und geschlagen so fest ich nur konnte, aber es nützte nichts. Er blieb drin. Gott sei dank war er so betrunken, dass er gleich eingeschlafen ist, noch bevor er etwas tun konnte.

Ich wusste, dass was da passiert ist, ist nicht richtig. Ich musste schnell was tun, bevor noch mehr passiert. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und meiner Mutter davon erzählt. Das blanke Entsetzen war in ihrem Gesicht und die Antwort werde ich nie vergessen „Ich glaube dir kein Wort“, sagte Sie. Etwas später ergänzte sie dann aber: „Du hast ihn verführt.“ Am Abend ging meine Mutter auf Schicht. Wir waren allein mit dem Freund. Ich hatte Angst, zugleich wollte ich meine Schwester beschützen. Unter der Tür gegenüber von meinem Bett drang Licht durch. Ich sah die Schritte und sie gingen an der Tür vorbei. Puh, Glück gehabt. Ich überlegte, was ich tun konnte und beschloss, wenn noch mal was passiert, dann gehe ich zur Polizei. Ich schlief unruhig. Jede Nacht passte ich auf, wohin die Schritte gingen. Kamen sie zur Tür? Eines Tages war er dann weg ebenso wie meine Kindheit.

Meine Mutter glaubt mir bis heute nicht. Sie hat sich mal entschuldigt, aber gleich dazu gemeint, dass ich ja hätte sie anrufen können. Nur wir hatten zu der Zeit gar kein Telefon. Und wieder war es nur meine Schuld, was da passiert ist. Meine Mutter hat mich nicht nur büßen lassen, dass ich aussehe wie mein Vater, sondern auch für das, was da passiert ist. Als ich das Thema einmal angesprochen habe, wollte sie mich deswegen gleich in ein Irrenhaus einweisen lassen. Was ist das für eine Mutter? Wie soll die Beziehung zu ihr aussehen? Gibt es überhaupt eine? Und das beschäftigt mich heute am meisten. Aber ich bin mir sicher, dass ich die Antwort darauf auch noch finden werde.

Ich habe auch geglaubt, ich könnte alles vergessen, verdrängen, einfach wegpacken und nicht mehr daran denken. Aber das funktioniert nicht. Das habe ich gelernt. Es ist da, wie ein schwarzer Fleck der sich in den Stoff eingebrannt hat und nie wieder weg gehen wird. Man kann etwas darauf kleben oder mit einem Stück Stoff über nähen, aber er ist noch immer da. In manchen Situationen reagiere ich einfach und andere fragen sich, was war das Merkwürdiges. Ich weiß, was es war.

Ich will nichts beschönigen, es wird nicht einfach damit fertig zu werden und braucht viel Zeit. Ich habe es geschafft und auch du wirst es schaffen. Wie wirst du mich fragen? Mein Weg ging über Psychotherapie, Pro Familia Beratung, Seminare und Amanda. Mit vielen Gesprächen, gemalten Bildern und mit vielen Büchern angefangen von mehr Selbstbewußtsein bis hin zur Mutter-Tochter-Beziehung habe ich mir geholfen. Meine beste Freundin hat mich auch sehr unterstützt und mir immer Rückmeldung gegen wie sie die Dinge sieht, ohne sich in meine Entscheidungen einzumischen. Wir haben Stunden am Telefon verbracht, wertvolle Stunden.

Vielleicht ist das nicht dein Weg. Vielleicht magst du keine Bücher lesen. Vielleicht magst du nicht reden. Vielleicht magst du nicht malen. Ich mag auch nicht alles. Das musst du auch nicht. Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, so wie die, dass ich hier gerade diesen Brief schreibe.

Es gibt Hoffnung, Hoffnung auf ein neues Leben, einen neuen Anfang, nicht heute nicht morgen, nicht in zwei Monaten. Aber es gibt ihn, du kannst mir vertrauen. Ich habe ihn gefunden, in einer Stadt weg von meinen Eltern und meiner Vergangenheit hin zu meiner und nur meiner Zukunft. Neu leben, aufatmen, sich wohl fühlen – einfach ICH sein, das kann ich in meiner neuen Heimat. Denn ich bin nicht nur meine Vergangenheit. Zu mir gehört viel mehr: mein Lächeln, mein Engagement, meine Hartnäckigkeit, meine Stärke und vieles andere. Und du bist auch mehr als deine Vergangenheit.

Vielleicht meinst du, du bist nicht stark genug. Glaube mir, du bist es. Und du wirst mit jedem Tag stärker werden. Ich wünsche dir die Kraft, den Anfang zu machen und dich zu heilen. Du kannst auf mich zählen.

Deine B.

(Autorin: B.)

dein frisches Wort
fällt in mein Misstrauen
wir gehen mit trägen Schritten
im Regen auseinander
eine Weile später heißt
leise flüsternd überall das blaue Wunder
hier unter dem milden Sonnenschein
wer holt uns zurück?
weise zu dem Baum
wer hält uns gefangen
warum ruhen die Dinge in einander
wieso vertragen wir diesen Frieden
nicht mehr
warum halten wir den Atem an
was hindert uns zu sagen
es geht auch anders weiter

(Autorin: Tahere Asghary)

wenn sie kommt
kommt sie aus
tausend Richtungen
mit tausend Rhythmen

die Freiheit

wie ein frischer
Wind in meinem Gesicht

sie singt
von vier Jahreszeiten
wie eine neu geborene Knospe
erzählt sie von Zeit und von Zeiten
von einem und von den Menschen

oder ist alles nur die Reife
wie eine blaue Blüte aufgeht
von ihrem Glück spricht
und ihre Angst überwindet

(Autorin: Tahere Asghary)

dieses Gesicht
das Schöne
siehst du hässlich
aus Wundgründen

dieses Gesicht
das Schöne
siehst du alt
aus Zeitgründen

eines Tages ist
dein Weg im Licht
du siehst
du hast eine Geschichte
eine besondere
du wirst wissen
woher du kommst
wohin du willst
du glaubst mehr
du vertraust mehr

wenn du genug erzählst
von der Kargheit mit deinen Worten
so siehst du wie dein Herz aufgeht

(Autorin: Tahere Asghary)

fremde
du neben mir
heißest mutter

frau mutter sie
sind mir fremd

der wind verzaubert mich in vielerlei farben
zitronengelb kämmt er mir das haar
weht spinnenbraun über die hand
umfasst meeresblau meinen fuß
bevor ich in mein haus mich verkrieche
ihn seinem spiel überlasse

(Autorin: J. Koch)

1. Splitter

"Bis später"
sagte Peter
und verschwand
in der Wand.
Er machte Fiese-
mantenten mit der Liese
auf der Wiese
bis eben diese
es Zeit fand
und durchbrannt'.
Seht 'a -
da steht er
der Miese-Peter.

2. Splitter

Ich fühl dich
mehr als mich,
drum sag nich',
ich liebe dich.
Ich bin nicht hier,
nicht ganz bei mir.
So sag ich dir,
bleib nur bis vier.

3. Splitter

Haltet die verdammten Uhren an!

Wo sind die Alten,
die Ruhe gebieten
der ganzen versammelten Mannschaft?
Wo sind die Ohren,
die aufnehmen wollen
die ganze lange Geschichte?
Wo ist der Verstand,
der begreifen will
die ganze komplexe Kiste?
Wo sind die Arme,
die bergen wollen
den ganzen fetten Kloß?

4. Splitter

Ich schau in den dreiteiligen Wandspiegel, plötzlich blitzt es mir entgegen, der Schein kommt näher, wie ein Geist mit schweren alten Ketten und Bleikugeln an den Fußgelenken, fühle ich einen Moment recht klar diese dreckige dumpfe Schwere meines Leibes. Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich will nie mehr. Nichts. Ich bin gern allein, wenn ich mich übergebe; all das auskotze, dass nichts mehr bleibt. Weg damit! Ich bins so leid, so satt. Zu dünner Suppe will ich werden, gleichmütig den Gezeiten dienen. Dabei gehts mir eigentlich gar nicht schlecht. Erdoan hat einwandfrei zu mir gehalten.
Ich bin nicht so frei in der Wahl meiner sozialen Kontakte. Ich brauche sie. Ich mache mir allein keinen Sinn.

5. Splitter

Weniger ist mehr- das hat mir schon meine Deutschlehrerin in der Schule immer gesagt, wenn ich es mal wieder nicht geschafft hatte, meinen Aufsatz aus der Kladde zu Ende abzuschreiben.
Sei weniger, dann mag man dich mehr - war nicht erst seit dem meine Devise, da fing es nur an, mir allmählich zu dämmern. Jedenfalls erscheint es mir in der Rückschau als ein ganz passendes Bild, das ich seit einiger Zeit zerschneide.

6. Splitter

Ich bescheiß mich gern. Wenn das Leben mich bescheißt, warum soll ich es nicht auch so tun!? Für einen Moment lang liegt gegenüber dem Einen ein größeres Gegengewicht in der Waagschale. Und die Rechnung scheint zu meinem Gunsten aufzugehen. Natürlich weiß ich, dass das nicht real ist - das macht nichts. Diese wunderbaren beschissenen Momente haben alle mal ihre Berechtigung; sie sind zwingend notwendig. Wer weiß, was sonst wär'!?       Später mehr

7. Splitter

Immer wieder

- Griff ins Klo
voll überrissen sowieso
übersteuerte Signale
machen mich unfroh - einfach so
höhlen mich aus
degradieren mich zur Maus
komme da nicht raus - sagt Klaus
sollt' es besser wissen
kann mich nicht verpissen
nun fühl' ich mich beschissen
-ab in die Kissen

und raus

8. Splitter

Ich krieg kein Bild mehr zusammen.
Ich produziere nur Fetzen.
Zerschlagen

Dabei bin ich einfach nur
ein bischen unvernünftig.

Natürlich will ich noch -
aber ich mag nicht mehr.

9. Splitter

Was wollen Sie machen, wenn Sie alt sind?
            Immer nur träumen bis der Tod kommt

Wollen Sie nicht mal was anderes anfangen mit Ihrem Leben?
            Vieles wollte ich -  und am Ende  gar nichts mehr

Dann hat sich ja Ihr Wunsch erfüllt.
            Haben Sie denn gar keine Achtung - so einfach Schlüsse zu ziehen!?
            Alles was ich wollte und nicht konnte, hängt an meinen Knochen

10. Splitter

Next generation

"Soll ich Ihnen mal sagen, was Sie sind? Sie sind ein elender Looser, ein Krimineller! Was wollen Sie denn von meiner Tochter? Sie werden sie nicht glücklich machen, Sie sind ein unglücklicher Mensch. Sie wird doch für Sie bluten müssen. Wenn Sie wirklch etwas für sie übrig haben, lassen Sie die Finger von Ihr. Sie können ihr nur schaden. - Jetzt wissen Sie, woran Sie sind. Und ich weiss meinen Einfluss geltend zu machen. Nehmen Sie das zur Kenntnis. Überlegen Sie sich gut, was Sie tun. Ich darf mich verabschieden. Schönen Abend noch."

Sie legt den imaginären Hörer auf - keiner aus der Gruppe sagt ein Wort. Sie hört ihr Herz schlagen und sagen: "Das stimmt schon". David hat seinen kleinen harten Stein wohl plaziert, zwischen die Augen getroffen. Jetzt bleibt zu hoffen, dass er durchschlägt - ins Hirn dringt, das Herz erringt und weiter springt.
Warum sagt keiner was? Das war doch ok! Bianca blinzelt mich an, versucht ein Lächeln - und ich weiss, dass sie es nicht begreift, dass ihre Angst sie zurückhält. Schöne Schlampe. Mein Weg geht weiter. Ich bin mir sicher. Sicher wie schon lange nicht mehr. Ich brauch nur noch einen Ton, einen Laut, eine Bestätigung, dass ich richtig bin. Wie immer zweifle ich an mir, kann nicht glauben, was ich seh... passt nicht zusammen mit mir. Passiert nichts, ich erfrier.

"Setzen Sie sich bitte erstmal hin" kommt die Stimme aus dem 'Off'. Ich weiss kaum noch, wer ich bin, was los ist - doch ich hoff`, die Welle wird mich tragen über alle Fragen. Jetzt kann ich nichts mehr sagen. "Das war gut - und sehr mutig. Sie müssen sehr erschöpft sein." Das kann doch nicht wahr sein.

Ein Surren erfüllt meinen Kopf, Augen zu und durch. Sie fällt vom Stuhl und endlich -

(anonym)